Gazeteci? Terörist!

Den Protagonisten meiner Geschichte werde ich nicht treffen; er sitzt in Untersuchungshaft, seit zwei Jahren schon. Wie die meisten der rund 40 Journalisten, die mit ihm angeklagt sind, hatte er über kurdische Themen geschrieben.

Er hat seine Arbeit getan als Journalist, recherchiert, sich mit Interviewpartnern getroffen. Das alles reicht für den türkischen Staat, um aus ihm einen Terroristen zu machen. Am 22. April wird der Massenprozess gegen Hüseyin Deniz und andere Journalisten fortgesetzt – einen Tag nach unserer geplanten Abreise.

Der Prozess wird die einzige Chance sein, Deniz zu sehen.

Ich werde in Istanbul mit seiner Familie über ihn sprechen. Ich werde mit dem Herausgeber der kurdischen Zeitung über seine Arbeit sprechen, seine „gefährlichen“ Artikel. Ich werde mit seiner Anwältin über die türkische Justiz reden, die neben Journalisten auch andere Berufsgruppen, wie die Anwälte immer stärker verfolgt. Ich werde mit seinen Kollegen über das journalistische Arbeiten in der Türkei reden, über die Ungewissheit, was geschrieben werden darf. Ob man selbst der nächste sein wird.

Aber Deniz selbst sitzt hinter Gittern, bleibt unerreichbar. Ich muss deshalb zum Prozess und werde meinen Aufenthalt in Istanbul um zwei Tage verlängern. Nicht nur, um meinen Protagonisten life und in Farbe sehen zu können. Sondern auch, um einen Einblick zu bekommen in dieses absurde Verfahren, um herauszufinden warum ein Staat wie die Türkei solche Angst hat vor seinen Kritikern.

Einige Fragen bleiben dabei noch offen. Ob ich Zutritt bekomme zum Gerichtsgebäude, auch ohne Presseausweis. Wird es ausreichen, im Schatten der europäischen Delegationen hereinzukommen? Ich bin gespannt – aber werde es versuchen.