Spurensuche

Es ist schwer, über jemanden schreiben zu wollen, den man nicht sehen kann. Mit dem man nicht sprechen darf, nichts fragen, nicht sehen, wie er antwortet, wann er lächelt, was er wie erzählt. Wenn dieser Mensch in einem Hochsicherheitsgefängnis sitzt, ist man angewiesen auf die Erinnerungen anderer Menschen. Derer, die ihn kennen.

Es ist ein mühsam zusammengesetztes Mosaik aus fremden Erinnerungen und Gedanken, immer gefärbt von der eigenen Sicht auf die Welt, von der Übersetzung aus dem türkischen.

Der Prozess gegen 46 türkische Journalisten wurde gestern fortgesetzt. Ungefähr 80 Kilometer entfernt von Istanbul, in Silivri, Europas größtem Gefängnis. Über 10.000 Menschen sitzen hier in Haft – Silivri ist nicht einfach ein Gefängnis, es ist eine Kleinstadt. Im Schatten einer Delegation belgischer Parlamentarier bin ich in den Gerichtssaal gekommen, ein schäbiger, kleiner Raum; kaum angemessen der Tragweite dieses Verfahrens. Dieser Prozess ist politisch, jeder der Besucher, der Verwandten und Freunde, der Anwälte und türkischen Journalisten sagt das. Vor Beginn des Prozesses stehen alle dichtgedrängt an der Absperrung, winken und rufen über die Wärter ihren Freunden zu, es ist bewegend das zu sehen; das Zeichen: Wir sind da, ihr seid nicht allein.

Es ist das erste Mal, das ich Hüseyin Deniz sehe, wie er dasteht und lächelt, seiner Schwester und seinen Freunden zuwinkt. Kurz nur, denn dann beginnt der Prozess. Oder besser gesagt: Er wird fortgesetzt, mit der Verlesung der Anklageschrift, 800 Seiten lang. Heute wird sie, nach drei Prozessterminen, endlich beendet werden.

Es ist schwer, über jemanden schreiben zu wollen, den man nicht sehen kann. Es ist fast noch schwerer, über jemanden zu schreiben, den man nur einmal, nur kurz gesehen hat. Sein ehemaliger Zellengenosse erzählt von ihm und der Zeit zusammen. Und doch, mir fehlt so viel. Wenn man Geschichten rekonstruieren will, dann gibt es immer ein Mehr. Mehr zu wissen, genauer, so viele Details, wie genau war es, ganz genau? Je näher ich komme, desto ferner fühle ich mich, verwirrter. Was habe ich vergessen? In der Pausenzeit zu fragen, zwischendurch nachzuhaken? Wen hätte ich noch fragen können, was ist alles verloren gegangen?