
Lazari Kozmaoğlu ist der letzte seiner Art
Foto: Lena Schnabl
In einer Stunde werde ich aus dem Laden des letzten Schweinemetzgers Istanbuls stolpern, und meine Dolmetscherin wird sagen: Ich dachte, wir kommen da nicht mehr lebend raus. Alles fing harmlos an: Mit einem Besuch im holzgetäfelten Laden, Tee aus Plastikbechern und Lazari Kozmaoğlu, einem untersetzten Metzger mit schütterem Haar und buschigem Schnauzer.
Wut klingt mit, als er über das Gesetz spricht, das 2003 in der Türkei verabschiedet wurde. Cik Köfte, rohe Fleischbällchen, hatten eine Lebensmittelvergiftung ausgelöst, weil sie verdorbenes Schweinefleisch enthielten. Alle Metzger des Landes mussten sich entscheiden: Schwein oder kein Schwein. Lazari Kozmaoğlu entschied sich für Schwein und ist heute in Istanbul der letzte seiner Art.
Schwein steht für vieles in der Türkei. Es ist „das unreine Tier“, das gläubige Muslime verschmähen. Wird sein Verzehr per Gesetz eingeschränkt, bedeutet das für Leute wie Kozmaoğlu einen Rückfall in den fanatischen Islam, der Andersgläubige diskriminiert und ihre Freiheit beschneidet.
Die meiste Zeit sitzt Kozmaoğlu an dem Schreibtisch, spricht mit seinen Verkäufern und den seltenen Kunden. „Sie zum Beispiel ist Jüdin“, sagt er und deutet auf eine Frau, Mitte vierzig mit kinnlangen Haaren. „Ja, ich bin Jüdin, und ich kaufe hier Wurst“, sagt sie, die erste Kundin seit einer halben Stunde. Religiös scheint auch sie nicht zu sein.
Seine Kunden gehören keiner bestimmten Religion an. Und sie können sich Schweinefleisch leisten. Fünfzig Gramm Salami kosten hier acht Euro.
Unser Konflikt entzündet sich, als ich eröffne, dass ich allergisch auf Schweinefleisch reagiere. Ich berühre Schweinewurst nicht einmal. Wenn sie auf Käse liegt, esse ich den Käse nicht. Ein Tick, der sich aus Selbstschutz entwickelt hat.
Auch Kozmaoğlu scheint eine Art Selbstschutz entwickelt zu haben. Wer Schwein ablehnt, lehnt ihn ab.
Er schneidet ein paar Scheiben Schinken ab, hält sie mir unter die Nase. Er sagt: „Schinken!“, ich sage: „Nein, danke.“
Kozmaoğlu lässt sich auf den Stuhl fallen und grollt. Den Geruch von Salami und Schinken in der Nase ringe ich um einen Kompromiss und frage, ob ich meinen Kollegen etwas Wurst mitbringen dürfte. Er schießt die Augen und nickt bedächtig. Ich wäge mich fast in Sicherheit, als er sagt: „Ich bereue, dass ich mit Ihnen spreche. Weil Sie nichts essen.“
Immerhin erklärt er sich bereit, den Raum zu zeigen, in dem seine Würste entstehen. Ich sehe die Angst in den Augen meiner Dolmetscherin, die zu denken scheint: Da liegen scharfe Messer herum, und dieser Mann ist sauer auf dich. Drinnen fällt mein Blick auf dicke, armlange Würste, die unter einem Eisengestell hängen; dann auf einen Edelstahltisch, über den blutrote Häufchen verstreut sind. „Paprikagewürz“, sagt Kozmaoğlu.
Zurück im Verkaufsraum will ich mich für das Gespräch bedanken, aber Kozmaoğlu, sucht auf seinem Computer ein Foto, das die türkischen Zeitung „HaberVesaire“ zum Osterfest 2007 veröffentlicht hat. Es zeigt Lazari Kozmaoğlu, der ein Spanferkel auf den Armen wiegt. Und glücklich ist.








