
Bald wird Orhanlɪ abgerissen werden
Foto: Jenny Becker
Istanbul, 19. April 2013, halb drei Uhr nachmittags
Mit meiner Kollegin Jenny und unserer Dolmetscherin Gözde stehe ich inmitten einer Gruppe Türken. Sie reden auf uns ein, schreien, manche weinen. Der Grund: Ihre Stadt nahe des Sabiha Gökçen Flughafens soll einem gigantischen Logistikzentrum weichen.
Plötzlich ein weißer Audi neben uns. Ein Mann steigt aus, Anzug, Krawatte. Er sagt etwas auf türkisch.
„Er kennt jemanden der Baufirma TOKI“, flüstert unsere Dolmetscherin. „Und verbietet den Leuten, mit euch zu reden. Wir sollten abhauen!“
Auf dem Weg zur Busstation, wieder der weiße Audi. Zwei Straßen weiter noch einer. Oder ist es derselbe? Komm schon, sage ich mir, sei nicht komisch, du hast zu viele Agentenfilme gesehen!
Im Bus sitzt ein Mann mit schwarzer Lederjacke hinter mir, ein anderer in rotem Jackett hält sich an der Stange fest, gegenüber. Beide beobachten uns.
Wir steigen in die U-Bahn um. Die beiden hinterher. Doch, die verfolgen uns, ich bilde mir das nicht ein! Jenny glaubt mir nicht.
„Du hast echt zu viele Agentenfilme …“
„ … ja, weiß schon.“
U-Bahn Station Kartal. Rotes Jackett und schwarze Lederjacke steigen ein. Wir lassen die U-Bahn sausen. Auf dem Bahnsteig sieht ein Mann in grauer Jacke zu uns herüber. Gehört der etwa dazu? Plötzlich taucht Rotes Jackett wieder auf. Geht dicht an uns vorbei. Er muss wohl aus einem hinteren Waggon rausgesprungen sein, bevor der Zug abgefahren ist.
„Ok Stephanie, du hast Recht, wir werden verfolgt.“
Wir beschließen, eine Station mit dem nächsten Zug zu fahren und in letzter Sekunde wieder rauszuspringen. Wenn jemand uns nach springt, wissen wir bescheid.
Rattern. Die Bahn fährt ein. Abfahren, einfahren, stoppen, warten – jetzt!
Dann sind wir zu dritt auf dem Bahnsteig. Jenny, ich und graue Jacke. Hier steigt sonst niemand aus, zu abgelegen. Eine unendliche Sekunde lang starren wir uns gegenseitig auf dem menschenleeren Bahnsteig an. Dann dreht sich graue Jacke um und verschwindet Richtung Ausgang.
(Zurück im Hostel mit unserem Dozenten Philipp Maußhardt)
„Philipp, wir wurden verfolgt!“
„Das ist ja großartig. Habt ihr Fotos gemacht?“
„Nein, wir leben noch, das muss für heute reichen.“








