Alles begann mit Shakira. Als ich sie mit zwölf das erste Mal auf MTV orientalisch tanzen sah, war ich betört. Sie bewegte ihren Körper als wäre er Gummi, das man in alle Richtungen biegen kann. Ich ahmte jahrelang vor youtube die Bewegungen nach und bastelte mir so meine Bauchtanzkenntnisse selbst zusammen. Ein Mal besuchte ich als Teenager eine Probestunde an der Volkshochschule. Zwischen Überlinger Hausfrauen, alle dreimal so alt wie ich, war ich die Biegsamste – was für ein Riesenerfolg! Tatsächlich sieht für westliche Augen das, was ich aus meinen Hüften schüttele, ziemlich überzeugend nach Bauchtanz aus. Deshalb soll eine professionelle Tänzerin mein Können unter die Lupe nehmen. Hoffentlich fliege ich heute nicht auf. Ich kann doch gar keinen klassischen Bauchtanz.
Sie ist einen Kopf kleiner als ich und hat genug Bauch, um dem Namen dieses Tanzes alle Ehre zu machen. Hale lacht ein bisschen wie ein Pirat, der in einer Hafenspelunke zu viel Rum gebechert hat. Sie unterrichtet im Dachgeschoss eines Altbaus mit Blick auf den Taksim-Platz. Der Parkettboden des Zimmers ist abgewetzt, die eine Wand verspiegelt, an einem Kleiderständer hängen Bauchtanzkostüme.
Zuallererst betont Hale, dass Orientalischer Tanz nicht als Verführungstanz missverstanden werden darf. „Beim Tanzen geht es um deine Emotionen, nicht darum, mit dem Hintern zu wackeln. Ich würde nie für einen Mann tanzen.“ Erwischt! Naja, für einen Mann zu kochen ist ja auch schön. Und was sagt sie zu meinem Vorbild? „Ich mag Shakira, aber für meinen Geschmack sind ihre Bewegungen oft zu übertrieben, zu sexuell.“ Schade, nun muss ich mir mein Idol wohl aus dem Kopf schlagen.
Sie legt türkische Folklore-Musik auf. Zu einer dumpfen Trommel gesellen sich blecherne Schläge, ausgeschmückt mit einer Rassel. Wehmütiger Frauengesang wird von einer Zither verschnörkelt. Ich soll auf die Trommelschläge achten, tak tak tak. Abwechselnd stoße ich meine Schultern nach oben. „Nein nein nein! Nicht diesen… Breakdance!“ unterbricht sie. Als Jugendliche tanzte ich in einer Hip-Hop-Gruppe, studierte Choreographien von Britney Spears ein. Das sieht man: Meine Bewegungen sind zu zackig. Ob ich mich für den Orientalischen Stil versaut habe? Hale lacht ihr rauchiges Lachen. Sie wackelt mit den Brüsten und imitiert die Hintergrundtänzerin eines Gangster-Rappers. „Je härter, desto vulgärer. Je weicher, desto graziler.“
Diese Frau gleitet wie eine Schlange. Ich gleite bisher mehr wie… eine Giraffe. Noch sieht das, was ich tue, nicht wirklich nach Hale Sultan aus, eher nach Beyonce, von deren Körper Joe Cocker Besitz ergriffen hat. Je mehr ich mich anstrenge, desto angespannter sieht es aus. „Ariana, don’t rush!“ Keinen Satz sagt Hale an diesem Nachmittag öfter. Ich dachte bisher, man soll sich biegen, was das Zeug hält? Tatsächlich soll ich die Langsamkeit entdecken. Sie nimmt meine Hände und legt sie sich um die Taille. Ich bin ihr ganz nah. Umarmend blicken wir in den Spiegel. „Spüre dein Gewicht, du ruhst schwer auf dem Boden.“ Ich spüre. Meine Bewegungen werden fließender.
Nun tanzen wir gemeinsam. Wir schlängeln mit den Armen, ahmen mit unseren Oberkörpern das Schaukeln eines Kamelgangs nach. Wir wiegen unsere Hüften wie ein Boot im Wellengang und biegen unsere Brustkörbe nach vorn. „Nicht mit den Schultern – sondern mit den Boobs!“ Sie grinst. Wir schieben unsere Becken von einer Seite zur anderen. Wir zittern mit den Hüften. Bauchtanzen? Läuft. „Wow, gut!“ strahlt sie. Ein Erfolgserlebnis! Locker lassen ist das Geheimnis.
„Selbst wenn du zu Hause allein übst, wirst du meine Stimme hören“, sagt Hale zum Abschied und drückt mich. Ganz bestimmt. Und ihr Lachen. Nach der Stunde möchte ich alles wiederholen und auf youtube ein Video von Shakira anschauen. Wobei, ach nee, lieber nicht.









