
Künstler Celayir: „Ich fand die Bewegung gegen Stuttgart 21 toll“
Foto: privat
Sie sind in der Türkei aufgewachsen und haben später über 20 Jahre in Stuttgart gelebt. Was ist Heimat für Sie?
Heimat ist die Natur in der Gegend, aus der ich stamme. Ich bin Kurde. Ich komme aus einem Hochland in der Osttürkei. Dort verbringe ich jeden Sommer. Ich genieße es zu laufen, zu fotografieren und im Freien zu malen. Diese Landschaft ist mein Thema als Maler. Erde, Grenze, Heimat, Licht.
Wie war es damals als Kurde in der Türkei?
Die Lage für Kurden war sehr schlimm, sehr eng. Besonders nach dem Militär-Putsch 1980. Man konnte nicht mehr atmen. Viele Bekannte und Freunde waren im Gefängnis. In meinem Dorf gab es massiv Militärkontrollen. Und jemand wie ich, der studierte, war sowieso eine potenzielle Gefahr.
Sind Sie deshalb nach Deutschland gegangen?
Ja. Ich war zwar nicht direkt politisch verfolgt, aber man konnte hier nicht reden und bekam auch keine politischen Bücher. Ich wollte einfach in einem freien Raum sein, ein bisschen atmen, und Bücher lesen über die kurdische Identität. Mit 35 Jahren bin ich nach Deutschland gegangen, das war 1986.
Seit zwei Jahren leben Sie wieder in Istanbul. Hat sich etwas verändert?
Jetzt gibt es Hoffnung, weil der Dialog zwischen Kurden und Türken begonnen hat. Man versucht einander zu verstehen. Die Spannungen sind nicht mehr so groß. Man hofft, dass der Frieden kommt. Aber das braucht viel Zeit.
Erleben Sie noch Ausgrenzung?
Es gibt immer noch Sammler, die nicht von mir kaufen wollen, weil ich Kurde bin. Aber insgesamt ist die Gesellschaft offener und lockerer geworden, auch die Kunstszene.
Was vermissen Sie, wenn Sie an Stuttgart denken?
Mir fehlt die Demonstrationskultur. Als ich nach Deutschland kam, beindruckten mich die linken Demonstrationen für die kurdische Freiheitsbewegung. Und später fand ich die Bewegung gegen Stuttgart 21 toll. Ich war auf einigen Montagsdemos am Stuttgarter Bahnhof. Das Atelierhaus Nordbahnhofstraße, in dem ich gearbeitet habe, ist ja auch betroffen und wird demnächst abgerissen. Obwohl unser Protest nichts gebracht hat – diese Energie… das war schön! Das fehlt hier. Die Energie, auch mal aufzuschreien.
So etwas wäre hier nicht möglich?
Nein. Obwohl in Istanbul ähnlich große Bauprojekte stattfinden. Hier fehlt das Bewusstsein für eine Volksbewegung. Die meisten denken, die Regierung mache schon alles richtig.
Was sollte die Regierung für die Kurden tun?
Es muss ins Grundgesetz, dass das Land auch den Kurden gehört. An den Schulen sollte Kurdisch unterrichtet werden. Wir wollen unsere Sprache und Kultur offiziell leben dürfen. Ich bin kein Nationalist, aber der Gedanke, die Sprache meiner Vorfahren könne eines Tages einfach verschwinden, tut mir weh.
Das Interview wurde im April 2013 geführt und unterstreicht, wie überraschend die wenige Wochen darauf folgenden Großproteste auch für viele Menschen im Land kamen.








