
Erst trinken, dann umdrehen, der Kaffeesatz verrät meine Zukunft Foto: Karl Grünberg
Meine Zukunft schmeckt bitter, denke ich, als ich Schluck für Schluck den dicken türkischen Kaffee schlürfe. Auf der Zunge spüre ich den krümeligen Kaffeesatz, jene wertvollen Körnchen, in denen mein Schicksal stecken soll. In meinem Mund zieht sich alles zusammen, doch ich muss trinken, bis nur noch der Satz am Boden bleibt.
Langsam werde ich nervös. Als ich mich nach einer echten türkischen Wahrsagerstube erkundigte, war ich einfach nur neugierig. Ich dachte an eine heruntergekommene Bude mit Perlenvorhang, einer alten Frau, die mir allerlei Unsinn erzählt, während sie mich mit leuchtenden Augen anschaut und dann mit ihren beringten Finger meine Geldscheine greift. Aber die hier meinen das wirklich ernst. Kein abgeranztes Zimmer, sondern ein schickes Istanbuler Café. Kellner, die mit Smartphone und Headset Bestellungen entgegennehmen. An den Wänden hängen Bilderrahmen mit Zeitungsartikeln über das Café und Fotos der Wahrsager.
Kaffeesatzlesen hat Tradition in der Türkei. In jeder Familie gibt es eine Tante oder einen Onkel, der es kann. Manche machen es augenzwinkernd und zur Unterhaltung, andere nehmen es sehr ernst. Ein türkischer Freund erzählte mir, dass er viele Leute kennt, die eine Art zweites Gesicht haben. Ein Onkel von ihm rufe ab und zu an, erkunde sich, ob alles gut sei und rate dann von Fahrten mit dem Auto an diesem Tag oder zu schnell getroffenen Entscheidungen ab. „Das Café gibt es seit 2000“, erzählt der Kellner. Es sei das erste seiner Art gewesen, heute gebe es davon über hundert in Istanbul, ein erfolgreiches Geschäftsmodell.
Auf einmal sprudelt es aus ihr heraus. Ich sei gerade in einer Ausbildung: Stimmt. Im Laufe eines Jahres werde ich beruflich etwas anderes machen und zufrieden sein: Nein, hoffentlich nicht. Ich bin in einer Beziehung: Stimmt. Wir stehen kurz davor, dass es ernst wird, mit Kindern und allem drum und dran, aber in mir gibt es eine kleine freiheitsliebenden Flamme, die noch etwas brennen möchte: Stimmt. Ich werde mich entscheiden, sehr bald, und damit glücklich sein: Puh, Glück gehabt. Ein Freund wird sich von mir abwenden und mich verraten: Oh mein Gott, wer?
Ich ziehe Karten, sie schaut mir abwechselnd in die Augen und in meine Kaffeetasse. Ernst und sachlich wie eine Ärztin, die eine Diagnose gibt. Als sie fertig ist, verlasse ich benommen das Café. Vieles stimmte, anderes blieb im Vagen. Draußen vor dem Café Engel muss ich mich entscheiden, geht es rechts oder links weiter. Ich nehme die sonnige Straßenseite.








