Die Vergangenheit biegt quietschend um die Ecke. Sie kommt direkt vom Bosporus, schwenkt in die Söğütlü-Straße und ruckelt gemächlich auf mich zu. Es ist ein einzelner Straßenbahnwagen. Ich starre ihn an und denke: Er ist gelb! So gelb wie die Straßenbahnen meiner Kindheit, in einem Land, das es nicht mehr gibt – der DDR. Der Wagen bimmelt leise, bremst und öffnet ratternd die Türen. Einsteigen, bitte!
Diese Straßenbahn sieht nicht nur aus wie das Verkehrsmittel aus Kindertagen, sondern sie ist es auch. Eine Gotha Typ T57, aus dem thüringischen Jena, meiner Heimatstadt. Die Gotha-Wagen waren die Einheitsstraßenbahnen der DDR. Als man sie in Jena nicht mehr brauchte, wurden sie verschrottet – und verkauft. Ein Stück Deutsche Demokratische Republik hat sich so bis nach Istanbul gerettet und dreht dort seine Kreise. Eine 2,6 Kilometer lange Runde durch die engen Straßen von Kadıköy, einem Stadtbezirk auf der asiatischen Seite der Stadt.
Ich sitze in dem holzvertäfelten Innenraum, vielleicht auf demselben Platz wie damals als Kind. Um mich herum türkische Männer und Frauen mit Einkaufstüten. Während draußen der Verkehr rauscht, die Fußgänger sich wagemutig zwischen den Autos schlängeln und der Muezzin zum Gebet ruft, denke ich an die Straßen von Jena, durch die diese Bahn früher einmal fuhr.
Ab und zu sah man einen Trabi, Lada oder Wartburg auf der Nachbarspur. Sonst war alles viel stiller als hier. Die Bahn fuhr vorbei an der ehrwürdigen Universität, an der schon Friedrich Schiller unterrichtete. Dann über die Brücke der Saale, vorbei am Gasthaus „Grüne Tanne“, wo 1815 die erste deutsche Burschenschaft gegründet wurde.
Seltsam, dass ausgerechnet diese Straßenbahn so friedlich ihre Runden in einer türkischen Metropole dreht. Ausgerechnet eine Bahn aus Jena. In den neunziger Jahren, als das NSU-Trio in der Stadt lebte, fuhren die Gotha-Wagen noch regelmäßig. Vielleicht saßen die drei auch in diesem Wagen…
Eine Kurve entlockt der Bahn ein langgezogenes, freundliches Quietschen. Ein beruhigendes Geräusch. Wir kommen an einem unverputzten Haus vorbei, aus dessen Fenster eine türkische Flagge hängt in flammendem Rot. Schon bin ich in Gedanken bei anderen Häusern, geschmückt mit roten Arbeiterfahnen. Auf der Straße drängen Menschen mit Nelken im Knopfloch. Die Parade zum 1. Mai zieht in Jena den Weg der Straßenbahn, die Gleise entlang. Ich sitze auf dem Bordstein und bin ganz aufgeregt. Es ist ein besonderer Tag, denn heute gibt es sogar Eis am Stiel.
Jetzt schaue ich auf kleine Buden mit Sesamringen. Die Bahn hat den Hafen von Kadıköy erreicht. Blaugrau streckt sich der Bosporus bis nach Europa. Am anderen Ufer thronen Istanbuls Touristenattraktionen auf einem Hügel: die Hagia Sophia, die Blaue Moschee, der Topkapı-Palast. Ratternd öffnen sich die Schiebetüren – an beiden Seiten des Wagens. Huch, was für eine Entscheidungsfreiheit. Und das bei einer DDR-Straßenbahn.









