Servus, Bosporus! » Ortstermin http://reporterreisen.com/servus-bosporus Reporter reisen an den Bosporus Fri, 13 Sep 2013 19:20:44 +0000 de-DE hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.5.1 „Auch wenn sie mich mit Gewalt herausholen…“ http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/auch-wenn-sie-mich-mit-gewalt-holen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=auch-wenn-sie-mich-mit-gewalt-holen http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/auch-wenn-sie-mich-mit-gewalt-holen/#comments Mon, 15 Jul 2013 20:07:13 +0000 Stephanie de la Barra http://auf3th.de/servus-bosporus/?p=1685 In Istanbul boomt das Wohnbaugeschäft mit Monsterprojekten. Stadtviertel werden niedergerissen und neu aufgebaut. Entwurzelte Menschen bleiben zurück. „Tuzla Logistic City“ nennt sich eines dieser Großprojekte am Rande Istanbuls – geplant von deutschen Architekten.

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Bald werden hier keine Kühe mehr grasen.
Foto: Jenny Becker
Ahmed Kahveci

„Ich war Kohlearbeiter. 25 Jahre habe ich in Zonguldak unter der Erde gearbeitet, bevor ich 1992 hierher gezogen bin und mir ein neues Leben aufgebaut habe. Vor ein paar Wochen kamen Männer von TOKI auf mein Grundstück und in mein Haus. Sie haben alles fotografiert und mir gesagt, dass ich bald verschwinden muss. Aber haben sie mich gefragt?“
Foto: Jenny Becker
Fatma Inan

„Vier Monate bin ich jeden Tag zu Fuß nach Orhanlɪ gegangen. Vor 20 Jahren gab es keine Busse, hier waren nur Maisfelder. Mein Mann hat alles auf seinem Rücken hierher getragen, während die Kinder in der Schule waren. Wir haben alles selbst aufgebaut, mit unserer eigenen Kraft. Wir können nicht weg. Ich habe zu Hause einen kranken Bruder. Wohin soll ich mit ihm hingehen?“
Foto: Jenny Becker
Burhan Yıldırım

„Ich wohne in dem Abschnitt der zuallererst abgerissen werden soll. Wenn das offizielle Schreiben der Regierung kommt, dass wir weg müssen, erst dann können wir klagen. Wir halten alle zusammen. Auch ich werde zum Protest gehen!“
Foto: Jenny Becker
Muteber Aksoy

„TOKI ist wie Israel – es schmeißt die Leute aus dem eigenen Land raus. Sie haben uns ein Bankkonto eingerichtet und einfach das Geld überwiesen. Aber wir rühren das nicht an. Die Türkei kümmert sich um Syrien, wenn es Hilfe braucht, aber um ihre eigenen Bürger kümmert sie sich nicht.“
Foto: Jenny Becker
Sadık Durmuş

„Hier lebt die Arbeiterklasse, niemand würde sein Grundstück aufgeben. Es sind Leute von TOKI mit dem Anwalt gekommen und haben mich gefragt wieso wir ein Haus und einen Garten hier haben. Sie stellen uns hin, als hätten wir unerlaubt ohne Grundstückspapiere gebaut. Aber das stimmt nicht, ich verkaufe nicht. Das ist keine Gerechtigkeit.“
Foto: Jenny Becker

Ahmed Kahveci holt weit aus, seine Hand deutet über die Ebene, als wollte er die Silhouetten der Betonhäuser mit seinen Fingerspitzen nachzeichnen. Zweistöckige Klötze, mintgrün oder zartrosa gestrichen, manche grau belassen. Davor auf der Wiese ein paar Kühe. „Das kommt alles weg“, sagt er. „Alles.“

Ahmed Kahveci vor seinem Haus (Foto:Jenny Becker)

An der Stelle des kleinen Ortes, in dem Ahmed seit 21 Jahren wohnt, soll die Tuzla Logistic City enstehen. Eine Logistikstadt für Warentransfer, auf zwei Millionen Quadratmeter Gesamtfläche. Am Rande Istanbuls, drei Stunden vom Stadtzentrum entfernt. Rohmaterial aus aller Welt soll hier eingeflogen, verarbeitet und exportiert werden. Per Flugzeug, Bahn oder Schiff. Nur elf Kilometer sind es bis zum Marmarameer, Bahngleise gibt es bereits, eine Autobahnanbindung ist geplant. Eine komplette Stadt ausgerichtet auf Transportoptimierung, geplant vom Architekturbüro asp im zweitausend Kilometer entfernten Stuttgart. Ein weltweit agierendes Büro, das Großprojekte in Beijing, Dubai, Köln entwirft. Auch in Istanbul.

Der Entwurf zeigt, dass die „City“ durch und durch funktional sein wird. Der Containerpark symmetrisch angeordnet, wie ein Außenring um die Stadt. Büro- und Wohnräume im Zentrum, mit breiter Flaniermeile, dazwischen immer wieder Bäume, die wie überdimensionale grüne Stecknadelköpfe aus der Betonlandschaft ragen. Für 10.000 Bewohner ist die Stadt konzipiert, gibt das türkische Partnerbüro der Stuttgarter Architekten an.

Trotz der massiven Bebauung, sollen natürliche Ressourcen genutzt, statt zerstört werden. Wälder und Wasserläufe, um die „Artenvielfalt zu erhalten“, heißt es in der Informationsbroschüre. Dort ist auch eine Karte mit einem ersten Entwurf abgebildet, der zeigt wie alles einmal aussehen soll: Grundrisse der geplanten Bauten sind über einer nur schemenhaft erkennbaren Landschaft gedruckt. Sieht man genauer hin, entdeckt man Kästchen und Straßenzüge. Den Ort Orhanlɪ.

Der Flughafen rückt näher (Foto: Jenny Becker)

Ahmed Kahveci kennt die Pläne. „Vor ein paar Wochen sind sie sogar zu mir nach Hause gekommen.“ Anwälte und Ingenieure von TOKI, dem staatlichen Bauunternehmen. „Sie haben alles fotografiert, mich nach der Größe meines Grundstücks gefragt und gesagt, dass ich hier raus muss.“ 480.000 türkische Lira haben sie ihm für sein Wohnhaus mit sieben Wohnungen und zwei Läden geboten. Das sind umgerechnet ungefähr 200.000 Euro. „Von dem Geld kann ich mir woanders allenfalls drei Wohnungen kaufen.“ Er steht still vor seinem grauen Haus, tiefe Stirnfalten, weißer Bart, nach innen gerichtete Augen. Ein alter Mann, den das Leben noch einmal auf die Probe stellt. Aber Ahmed Kahveci ist nicht allein. Fünftausend Bewohner sind betroffen, sagt er. Fünfzehn Familien haben verkauft. „Ich verkaufe nicht, auch wenn sie mich mit Gewalt herausholen.“ Und das werden sie.

Wenn Ahmed Kahveci das sagt, spricht er für viele Arbeiter, Fischer und Handwerker. An jeder Ecke in Istanbul wird gebaut, Altes niedergerissen, Neues hochgezogen. Rasend schnell wächst die Millionenstadt, die in einer Erdbebenzone liegt. Seit dem großen Erdbeben 1999 hat ein Bauboom eingesetzt. Für das Wirtschaftswachstum war das gut, vor allem in den vergangenen zehn Jahren. Noch immer liegt das Wachstum bei 1,4 Prozent. Doch die neuen modernen Häuser sind teuer. Zu teuer für die ehemaligen Mieter. Sie wandern in Randbezirke ab, wo die Mieten billiger sind.

Ahmed Kahveci weiß das. Aber so schnell gibt er nicht auf. „Ich bin einer der Ältesten im Ort, die Menschen hören auf mich. Wir werden uns wehren.“

Diese Recherche entstand wenige Wochen vor Beginn der Proteste in Istanbul. Der Bauboom hat die Türkei wirtschaftlich vorgetrieben und unabhängig, aber auch viele Menschen heimatlos, gemacht. Die Gezi-Park Proteste stehen symbolhaft für eine Entwicklung, die in ganz Istanbul zu beobachten ist.

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Die fahrenden Schildkröten vom Bosporus http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/die-fahrenden-schildkroten-vom-bosporus/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=die-fahrenden-schildkroten-vom-bosporus http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/die-fahrenden-schildkroten-vom-bosporus/#comments Mon, 15 Jul 2013 16:10:44 +0000 Annika Kiehn http://auf3th.de/servus-bosporus/?p=1414 VW–Käfer sind nicht nur Autos, sondern fahrende Kultobjekte. Diese Einstellung vertritt auch der Volkswagen-Automobil Club Kaplumbağa in Istanbul. Seit 2001 zelebrieren seine Mitglieder ein Stück deutsches Lebensgefühl am Bosporus. Wir trafen sie und sprachen mit ihnen über Autos – und Liebe.

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In der Türkei heißt der VW-Käfer kaplumbağa – Schildkröte.

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„Dönermorde passt doch!“ http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/doenermorde-passt-doch/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=doenermorde-passt-doch http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/doenermorde-passt-doch/#comments Mon, 15 Jul 2013 16:04:04 +0000 Friederike Mayer und Barbara Bachmann http://auf3th.de/servus-bosporus/?p=1395 Vor wenigen Wochen noch war „Sabah“ im Ausland ein wenig bekanntes Blatt. Dann wagte es die türkische Tageszeitung, das deutsche Justizsystem herauszufordern. Zu Besuch in der Istanbuler Zentrale.

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Schlagzeile in eigener Sache: „NSU-Prozess wegen Sabah-Klage verschoben“

Dienstag, 16. April 2013, 7. Stock eines Hochhauses in Beşiktaş, einem der vornehmeren Stadtteile Istanbuls. Aplarslan Akkus, Leiter des Auslandsressorts der Tageszeitung „Sabah“, sitzt an seinem Schreibtisch in der hinteren Ecke eines Großraumbüros. Junge, gut gekleidete Menschen arbeiten dicht an dicht, Volontäre neben erfahrenen Redakteuren, keine der Frauen trägt Kopftuch. Gutgelaunt zeigt Akkus auf die Schlagzeile des Tages: „NSU-Prozess verschoben.“

„Sabah“ bedeutet auf Türkisch „morgen“. Morgen hätte in München auch der Prozess gegen Beate Zschäpe und weitere Angeklagte beginnen sollen. Ohne Medien aus der Türkei und Griechenland – den beiden Ländern, aus denen neun der zehn NSU-Opfer stammen. „Eine Schande“ sagt Akkus. „Sabah“ klagte dagegen beim Bundesverfassungsgericht und gewann. Zusammen mit fünf weiteren türkischen Medien ist die Tageszeitung nun beim Prozess vertreten.

„Sabah“, die von Ressortleiter Akkus als „liberales Massenblatt“ beschrieben wird, gehört zu einem der größten Verlagshäuser der Türkei, der Turkuvaz Media Group. Unter seinem Dach versammeln sich vier TV-Kanäle, sechs Magazine, fünf Tageszeitungen und diverse Websites. Das Einstiegsgehalt eines Redakteurs beträgt umgerechnet 900 Euro – auch für Istanbul nicht gerade viel. Journalismus muss man sich leisten können in der Türkei. „Wir sind Kinder aus reichem Hause“, sagt Akkus über sich und seine Kollegen. Der reichste Mann im Haus ist ohne Zweifel Ahmet Çalık, 55. Kaum eine Branche, in die der Verleger nicht investiert: Neben dem Mediensektor hat er auch in der Energie-, Bau- und Textilindustrie seine Hände im Spiel. Ihm wird eine besondere Nähe zur regierenden AKP nachgesagt, ein Schwiegersohn Erdoğans ist Geschäftsführer seines Konzerns. „Sabah“ gilt als regierungsnahe Zeitung.

Die Klage ist Beweis für das neue Selbstbewusstsein der Türkei

350.000 Leser zählt sie in der Türkei, 5000 sind es im restlichen Europa. In Deutschland arbeiten rund 50 freie Mitarbeiter für die Auslandsausgabe, die Redaktion sitzt in Frankfurt. Von dort aus wurde auch die Klage beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eingereicht – zuvor entschieden in Absprache mit der Zentrale in Istanbul. Wer an diesem Tag mit Akkus spricht, dem wird schnell bewusst: Die Aktion im Alleingang hat sich ausgezahlt für „Sabah“. „Über die Klage berichtet haben wir erst, als wir gewonnen haben.“

Dass eine türkische Zeitung es wagt, die Entscheidung deutscher Behörden zu kritisieren, ist auch Ausdruck eines neues Selbstbewusstseins der Türkei. „Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen“, meint Akkus. „Die Türkei ist heute ein anderes Land. Wenn wir uns angegriffen fühlen, dann wehren wir uns.“ Und angegriffen fühlte sich bei der Posse um die Platzvergabe die Türkei höchstpersönlich – anders als bei der NSU-Mordserie. So waren die NSU-Morde in der Türkei kein „Seite 1“- Thema – das Gerangel um die Plätze im Gericht dagegen schon.

Für Akkus ist klar: „In diesem Fall müssen wir Türken die Informationen aus erster Hand erfahren“, auch wenn man es deutschen Medien hoch anrechne, dass diese ihre Plätze im Gericht angeboten hätten. „Die Verbrechen richteten sich gegen die deutschtürkische Bevölkerung.“ Nicht selten wird auf diese Gruppe von der Türkei aus herablassend geblickt. Für viele bleibt sie die ungebildete, „buckelige Verwandtschaft“ aus Anatolien. So hat auch Akkus mit dem Begriff „Dönermorde“, der in Deutschland jahrelang als Synonym für die Mordserie verwendet und 2011 zum Unwort des Jahres gewählt wurde, kein Problem – im Gegenteil. „Wir haben die Bezeichnung von unseren deutschen Kollegen übernommen.“ Auf türkisch heißt das Dönerci cinayetleri. „Passt doch“, findet Akkus – schließlich, so glaubt er, haben die meisten Türken in Deutschland „mit dem Döner-Ding zu tun“.

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Warten auf die Abrissbagger http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/warten-auf-die-abrissbagger/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=warten-auf-die-abrissbagger http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/warten-auf-die-abrissbagger/#comments Mon, 15 Jul 2013 15:14:54 +0000 Marta Popowska http://auf3th.de/servus-bosporus/?p=1400 Ein Teil des Istanbuler Viertels Tarlabaşi soll modern und erdbebensicher werden. Die historischen Häuser und seine alteingesessenen Bewohner weichen. Sie werden sich keine der neuen Wohnungen leisten können und fürchten, dass Tarlabaşi nur der Anfang ist.

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Um einen Blick auf die Ruinen zu erhalten, muss man seine Kamera unter den Blechmauern durchstecken. Seit 2012 versteckt die Stadt das 20000 Quadratmeter große Areal.
Foto: Marta Popowska
Auch Musa Ataman musste seine Wohnung zwangsräumen und lebt nun ein paar Straßen weiter bei seinem Bruder.
Foto: Marta Popowska
Streift man durch die Straßen des restlichen Viertels, trifft man auf viele verfallene Häuser.
Foto: Marta Popowska
Viele Menschen können sich die Renovierung der oftmals historischen Häuser nicht leisten und lassen sie verfallen.
Foto: Marta Popowska
Doch es gibt viel buntes Leben im Viertel...
Foto: Marta Popowska
...und das spielt sich auch bei schlechtem Wetter auf der Straße ab.
Foto: Marta Popowska
An vielen Ecken zu beobachten: Eine Frau lässt einen Weidenkorb mit Geld aus dem zweiten Stock herunter, der Händler füllt ihn mit Brot und anderen Lebensmitteln.
Foto: Tobias Oellig
Neben den Müllsammlern verdienen sich viele ihren Lebensunterhalt mit Schuhe putzen. Izet Fidan kann seit einer schweren Krankheit keiner anderen Arbeit nachgehen.
Foto: Marta Popowska
Kaum eine Straße in der keine verfallenen Häuser neben bewohnten stehen.
Foto: Marta Popowska
Die engen Straßen werden nach und nach erneuert. Viele Anwohner fürchten, dass im restlichen Teil der Abriss kommt.
Foto: Marta Popowska
Nicht jeder ist gegen das Erneuerungsprojekt. Händler, wie Pehlivon Halit, freuen sich über mehr kaufstarke Kunden.
Foto: Marta Popowska
Aus Alt mach Neu: Eine Reparaturwerkstatt in Tarlabasi.
Foto: Marta Popowska
Durch das ganze Viertel verteilt hängen die Müllsäcke der Sammler an den Wänden der verfallenen Häusern.
Foto: Marta Popowska
Tarlabasis wertvolle Hanglage im Herzen des kulturellen Zentrums Istanbuls könnte schon bald mit Luxuswohnungen übersäht sein.
Foto: Marta Popowska
Doch noch hängen die berühmten Wäscheleinen vor den alten Häusern Tarlabasis.
Foto: Marta Popowska

Noch stehen die Ruinen im Istanbuler Viertel Tarlabaşi. Seit dem vergangenen Jahr versteckt die Stadt sie aus Sicherheitsgründen hinter meterhohen Blechmauern. Wer jetzt noch einen Blick erhaschen möchte, steckt seine Kamera unter dem Zaun durch und drückt ab. Der Anblick: eine Geisterstadt.

2007 wurde von der Istanbuler Stadtverwaltung das Stadterneuerungsprojekt Tarlabaşi beschlossen. Das heruntergekommene Viertel, das zum hippen Stadtteil Beyoğlu gehört und nur einen Katzensprung vom zentralen Taksim-Platz entfernt ist, soll modern und erdbebensicher werden. So lautet die offizielle Begründung. Ein 20.000 Quadratmeter großer Teil des Viertels und damit auch denkmalgeschützte Häuser aus dem 19. Jahrhundert werden dafür abgerissen und wieder neu aufgebaut. Die neuen Fassaden sollen dem historischen Abbild nachempfunden werden.

„Es ist wie ein Versuchsgebiet“

Nachdem die letzten Bewohner mehr oder minder freiwillig gegangen sind, wurde die Gegend zu gefährlich. Erst machten sich Drogendealer und Prostituierte breit, dann kamen die sogenannten Recycler und Trödler. Sie fingen an, die Türen, Fenster und Geländer rauszureißen. „Viele Häuser waren vorher schon in schlechtem Zustand, von da an stieg die Einsturzgefahr“, sagt die deutsche Journalistin Constanze Letsch, die in Istanbul lebt und für ihre Doktorarbeit seit 2008 in Tarlabaşi unterwegs ist.

„Es ist wie ein Versuchsgebiet mitten im Zentrum“, sagt Letsch. Geplant war, dass das Projekt 2010 abgeschlossen wird. „Warum nichts passiert, weiß irgendwie niemand.“ Und so siechen die Überreste vor sich hin und warten, dass sich ihnen jemand annimmt.

Gentrifizierungsopfer Ataman (Foto: Marta Popowska)

Mussa Ataman (54) ist Kurde. Er sitzt auf einem Hocker mitten auf einer Straße. Neben ihm seine Krücke. Er lebt bei seinem Bruder und dessen Familie unweit der Ruinen, die einst sein Zuhause waren. Ataman sieht müde aus, seine Kleidung ist abgetragen. Er wirkt, als säße er seit Jahren auf diesem Stuhl und warte. Er erzählt von Schikanen gegen Nachbarn, wie alten Frauen das Wasser abgestellt wurde und ähnliches. Ob sie protestieren? Nein, was sollten sie denn tun? Viele hier vertrauen auf Gott und nehmen es hin. Sie haben nie gelernt sich aufzulehnen. „In Tarlabaşi gab es sehr wenig Proteste“, sagt Letsch. Ein Aspekt ihrer Arbeit ist der Widerstand der Bewohner gegen das Projekt. Sie hatte erwartet, dass mehr passiert. „Gerade von den Kurden, aber nicht einmal die BDP, die kurdische Partei, hat sich interessiert.“

Niemand weiß, wie es weitergeht

Einst lebten vor allem Griechen und Armenier in Tarlabaşi. In den achtziger Jahren zogen dann Kurden her, viele schlugen sich als Tagelöhner, Müllsammler, Schuhputzer durch. Aber auch Roma, afrikanische Flüchtlinge, Illegale oder Transsexuelle, die jetzt ein paar Straßen weiter gezogen sind, leben hier. Am Abend sieht man sie und viele Prostituierte auf dem Tarlabaşi Boulevard. Gestalten der Nacht, die die mehrspurige Straße und künstliche Grenze zwischen dem angesagten Beyoğlu und dem armen Tarlabaşi, auf und ab laufen. Das Viertel hat seit jeher Menschen ein Obdach gegeben, für die es anderswo in der Stadt keinen Platz gibt.

Noch weiß keiner, ob in Tarlabaşi weiter abgerissen wird, „oder ob die Stadt hofft, dass mit den Neubauten eine Gentrifizierung im restlichen Teil des Viertels ganz von selbst einsetzt“, sagt Letsch. Mussa Ataman rechnet mit dem Abriss. Wo er danach hingeht? „Vermutlich werde ich gezwungen eine Sozialwohnung zu kaufen.“ Leisten kann er sie sich nicht.

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