Servus, Bosporus! » Ich in Istanbul http://reporterreisen.com/servus-bosporus Reporter reisen an den Bosporus Fri, 13 Sep 2013 19:20:44 +0000 de-DE hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.5.1 Meine Großfamilie für einen Abend http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/meine-grossfamilie-fuer-einen-abend/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=meine-grossfamilie-fuer-einen-abend http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/meine-grossfamilie-fuer-einen-abend/#comments Mon, 15 Jul 2013 15:01:15 +0000 Tobias Oellig http://auf3th.de/servus-bosporus/?p=1187 Als Tourist und Reporter habe ich schon einiges über das Land gelernt. Aber jetzt wird richtig eingetaucht. Zu Gast in einer türkischen Familie will ich erkunden, wie sie zu Hause ihren Feierabend verbringt. Und ob man dort etwas anderes als Döner isst.

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Zusammen mit meiner Istanbuler Familie nach dem Abendessen (Foto: Gözde Arslan)

Zusammen mit meiner Istanbuler Familie nach dem Abendessen
Foto: Gözde Arslan

Das Gastgeschenk

Ich brauche ein Gastgeschenk. Blumen? Pralinen? Keine Ahnung. „Baklava“, rät man mir, „aber guter.“ Aha, Baklava. Das sind diese türkischen Gebäckbomben. Die beim Dönermann über Rotkraut und Zwiebeln in der Vitrine stehen. An die sich nie jemand rantraut. Kenne ich nicht, esse ich nicht. Haben bestimmt Döner-Aroma angenommen, wenn die den ganzen Tag da vorne herumstehen.

Viel besser als Graubrot mit Käse (Foto: Tobias Oellig)

Baklava ist wenig Blätterteig, von viel Sirup zusammengehalten. So süß, dass man Zahnschmerzen kriegt. Baklava ist wie orientalische Poesie: Ganz entzückend, aber auch zu happig für meinen Geschmack. In der Backstube werden sie handgemacht und frisch vom Blech verkauft. Mein Baklava-Bäcker schneidet präzise wie ein Hirnchirurg einen handtellergroßen Fladen aus dem Quadratmeter Zucker. Ein Stück gibt es gleich auf die Faust, erwartungsvoll guckt er mich an. „Betörend gut“, würde ich lügen, wenn ich besser Türkisch könnte. Mein verklebtes falsches Lächeln muss reichen.

Tiefgrün klebt mir das zähe Zeug auf dem Weg die Tüte voll. Sehe wenigstens ich passabel aus? Mit stinkigen Turnschuhen und Dreitagebart vertrete ich die Bundesrepublik. Ich klingle. Überstürzt drücke ich Gastgeberin Elif den Baklava in die Hand. Hoş geldiniz, herzlich willkommen!

Die Familie

Das Wohnzimmer sieht aus wie ein deutsches. Na klar, was hast du denn erwartet? Eine osmanische Jurte, davor ein Holzpflock, an dem eine Ziege angebunden ist? Zumindest hätte ich nichts dagegen gehabt: Fackeln flackern und Zelte flattern. Eine verschleierte Schönheit huscht in die Häuptlingsjurte, um meine Ankunft mitzuteilen… Aber Türken leben gar nicht in Jurten, erkenne ich. Stattdessen: Mietwohnung, Teppichboden, Sitzgruppe. Bekanntes Terrain.

Elifs Großfamilie empfängt mich herzlich. Elif kocht, die Nichten helfen. Der anderthalbjährige Ufuk ist der Star des Abends. Darüber bin ich froh, das lenkt von mir ab. Gerade robbt er mit rotem Luftballon und Opa auf allen Vieren über den dicken Teppich.

Das Essen

Dann gibt es endlich Essen. Statt Graubrot, Aufschnitt und Gürkchen etwas Warmes: Auberginen-Kebab-Spieße, Reis und Fladenbrot, Rotkohlsalat und Joghurtsuppe. Gigantisch gut. Sie essen also keinen Döner daheim.
Der Fernseher läuft. Meine Gastgeber gucken nur selten hin, das Flimmern ist ihr Lagerfeuer. Ich nehme mir noch einen von den leckeren Spießen, Elif kann fantastisch kochen. Sie wird schon verstehen, dass es mir schmeckt, wenn ich hier ordentlich zulange.

Erst gibt es Auberginen-Kebab-Spieße, dann meine Zukunft aus dem Kaffeesatz (Foto: Tobias Oellig)

Im TV läuft jetzt „Dila, die Hausherrin“, eine beliebte Serie: Dila schreit eine Frau an und packt sie am Hals. Huch! Ich kenne keine deutschen Soaps. Aber da würgt man sich doch nicht, oder? Egal. Hausherrin Elif kümmert sich jedenfalls von Herzen um mein Wohl.

Die Wahrsagerin

Zum Dessert serviert Elif den Baklava mit Mokka. Na gut, koste ich den Kleber halt noch mal, zusammen mit bitterstarkem Kaffee, der wie Sand im Mund liegt. „Die Süße des Baklava entfaltet sich kontrastierend zur Stärke des Mokka“, würde man wahrscheinlich in einem Reiseführer lesen. Zwischen meinen Gaumen entfaltet sich gar nichts mehr.

Zum Schluss liest Elifs Schwester jedem aus dem Kaffeesatz. Bei mir bleibt sie lange still, blickt in dem Tässchen bis auf den Grund meiner Seele. Das macht mich nervös. „Ich sehe Wege, ich sehe Geld. Und eine Reise. Aber du hast kleine Sorgen“, übersetzt man. Kleine Sorgen? Eigentlich bin ich völlig beglückt von soviel Herzlichkeit an diesem Abend. Keine Sorgen. Doch, stimmt. Die Baklavabomben liegen mir schwer wie kleine Kiesel im Magen.

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Istanbul, die verbotene Stadt http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/verbotene-stadt/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=verbotene-stadt http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/verbotene-stadt/#comments Mon, 15 Jul 2013 14:51:38 +0000 Friederike Mayer und Barbara Bachmann http://auf3th.de/servus-bosporus/?p=1202 Nie mehr wird Ayşe Eğilmez am Bosporus sitzen. Die Exiljournalistin darf nicht in ihre Heimat zurück. Erinnerungen an Istanbul.

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Im Studium politisierte sich Ayşe Eğilmez und begann zu schreiben

Seit acht Jahren lebt die Journalistin Ayşe Eğilmez im deutschen Exil. In der Türkei wurde sie wegen ihrer Texte im Gefängnis gefoltert. Kurze Zeit nach ihrer Freilassung stand erneut die Polizei vor der Tür; es war ihr 36. Geburtstag. Über Nacht verließ sie die Stadt, die sie zum Schreiben brachte: Istanbul. Eine Spurensuche nach den Orten ihrer Erinnerung.

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Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/die-zuckerpuppe-aus-der-bauchtanztruppe/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=die-zuckerpuppe-aus-der-bauchtanztruppe http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/die-zuckerpuppe-aus-der-bauchtanztruppe/#comments Mon, 15 Jul 2013 14:41:50 +0000 Ariana Zustra http://auf3th.de/servus-bosporus/?p=1103 Mit dem Erfolg der kolumbianischen Sängerin Shakira erlebte der Bauchtanztrend in Deutschland einen neuen Aufschwung. In langjährigen Musikvideo-Studien brachte ich mir das Bauchzittern und Hüftkreisen selbst bei. Nun will ich mein Können in Istanbul bei einer Profi-Tänzerin unter Beweis stellen.

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Ich in Istanbul – Bauchtanzstunde mit Hale Sultan

Alles begann mit Shakira. Als ich sie mit zwölf das erste Mal auf MTV orientalisch tanzen sah, war ich betört. Sie bewegte ihren Körper als wäre er Gummi, das man in alle Richtungen biegen kann. Ich ahmte jahrelang vor youtube die Bewegungen nach und bastelte mir so meine Bauchtanzkenntnisse selbst zusammen. Ein Mal besuchte ich als Teenager eine Probestunde an der Volkshochschule. Zwischen Überlinger Hausfrauen, alle dreimal so alt wie ich, war ich die Biegsamste – was für ein Riesenerfolg! Tatsächlich sieht für westliche Augen das, was ich aus meinen Hüften schüttele, ziemlich überzeugend nach Bauchtanz aus. Deshalb soll eine professionelle Tänzerin mein Können unter die Lupe nehmen. Hoffentlich fliege ich heute nicht auf. Ich kann doch gar keinen klassischen Bauchtanz.

Hale Sultan alias Hale Cakır ist laut youtube „world class belly dancer from Turkey

Sie ist einen Kopf kleiner als ich und hat genug Bauch, um dem Namen dieses Tanzes alle Ehre zu machen. Hale lacht ein bisschen wie ein Pirat, der in einer Hafenspelunke zu viel Rum gebechert hat. Sie unterrichtet im Dachgeschoss eines Altbaus mit Blick auf den Taksim-Platz. Der Parkettboden des Zimmers ist abgewetzt, die eine Wand verspiegelt, an einem Kleiderständer hängen Bauchtanzkostüme.

Zuallererst betont Hale, dass Orientalischer Tanz nicht als Verführungstanz missverstanden werden darf. „Beim Tanzen geht es um deine Emotionen, nicht darum, mit dem Hintern zu wackeln. Ich würde nie für einen Mann tanzen.“ Erwischt! Naja, für einen Mann zu kochen ist ja auch schön. Und was sagt sie zu meinem Vorbild? „Ich mag Shakira, aber für meinen Geschmack sind ihre Bewegungen oft zu übertrieben, zu sexuell.“ Schade, nun muss ich mir mein Idol wohl aus dem Kopf schlagen.

MTV trifft auf jahrhundertealte Tradition

Sie legt türkische Folklore-Musik auf. Zu einer dumpfen Trommel gesellen sich blecherne Schläge, ausgeschmückt mit einer Rassel. Wehmütiger Frauengesang wird von einer Zither verschnörkelt. Ich soll auf die Trommelschläge achten, tak tak tak. Abwechselnd stoße ich meine Schultern nach oben. „Nein nein nein! Nicht diesen… Breakdance!“ unterbricht sie. Als Jugendliche tanzte ich in einer Hip-Hop-Gruppe, studierte Choreographien von Britney Spears ein. Das sieht man: Meine Bewegungen sind zu zackig. Ob ich mich für den Orientalischen Stil versaut habe? Hale lacht ihr rauchiges Lachen. Sie wackelt mit den Brüsten und imitiert die Hintergrundtänzerin eines Gangster-Rappers. „Je härter, desto vulgärer. Je weicher, desto graziler.“

Diese Frau gleitet wie eine Schlange. Ich gleite bisher mehr wie… eine Giraffe. Noch sieht das, was ich tue, nicht wirklich nach Hale Sultan aus, eher nach Beyonce, von deren Körper Joe Cocker Besitz ergriffen hat. Je mehr ich mich anstrenge, desto angespannter sieht es aus. „Ariana, don’t rush!“ Keinen Satz sagt Hale an diesem Nachmittag öfter. Ich dachte bisher, man soll sich biegen, was das Zeug hält? Tatsächlich soll ich die Langsamkeit entdecken. Sie nimmt meine Hände und legt sie sich um die Taille. Ich bin ihr ganz nah. Umarmend blicken wir in den Spiegel. „Spüre dein Gewicht, du ruhst schwer auf dem Boden.“ Ich spüre. Meine Bewegungen werden fließender.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Nun tanzen wir gemeinsam. Wir schlängeln mit den Armen, ahmen mit unseren Oberkörpern das Schaukeln eines Kamelgangs nach. Wir wiegen unsere Hüften wie ein Boot im Wellengang und biegen unsere Brustkörbe nach vorn. „Nicht mit den Schultern – sondern mit den Boobs!“ Sie grinst. Wir schieben unsere Becken von einer Seite zur anderen. Wir zittern mit den Hüften. Bauchtanzen? Läuft. „Wow, gut!“ strahlt sie. Ein Erfolgserlebnis! Locker lassen ist das Geheimnis.

„Selbst wenn du zu Hause allein übst, wirst du meine Stimme hören“, sagt Hale zum Abschied und drückt mich. Ganz bestimmt. Und ihr Lachen. Nach der Stunde möchte ich alles wiederholen und auf youtube ein Video von Shakira anschauen. Wobei, ach nee, lieber nicht.

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Unterwegs mit der gelben Zeitmaschine http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/unterwegs-mit-der-gelben-zeitmaschine/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=unterwegs-mit-der-gelben-zeitmaschine http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/unterwegs-mit-der-gelben-zeitmaschine/#comments Mon, 15 Jul 2013 14:31:28 +0000 Jenny Becker http://auf3th.de/servus-bosporus/?p=1152 Ein Stück DDR hat sich bis nach Istanbul gerettet und dreht hier seine Kreise. Die Tram im Zentrum von Kadıköy stammt aus Jena, meiner Heimatstadt.

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Mit der DDR-Tram durch Istanbul

Die Vergangenheit biegt quietschend um die Ecke. Sie kommt direkt vom Bosporus, schwenkt in die Söğütlü-Straße und ruckelt gemächlich auf mich zu. Es ist ein einzelner Straßenbahnwagen. Ich starre ihn an und denke: Er ist gelb! So gelb wie die Straßenbahnen meiner Kindheit, in einem Land, das es nicht mehr gibt – der DDR. Der Wagen bimmelt leise, bremst und öffnet ratternd die Türen. Einsteigen, bitte!

Diese Straßenbahn sieht nicht nur aus wie das Verkehrsmittel aus Kindertagen, sondern sie ist es auch. Eine Gotha Typ T57, aus dem thüringischen Jena, meiner Heimatstadt. Die Gotha-Wagen waren die Einheitsstraßenbahnen der DDR. Als man sie in Jena nicht mehr brauchte, wurden sie verschrottet – und verkauft. Ein Stück Deutsche Demokratische Republik hat sich so bis nach Istanbul gerettet und dreht dort seine Kreise. Eine 2,6 Kilometer lange Runde durch die engen Straßen von Kadıköy, einem Stadtbezirk auf der asiatischen Seite der Stadt.

Ich sitze in dem holzvertäfelten Innenraum, vielleicht auf demselben Platz wie damals als Kind. Um mich herum türkische Männer und Frauen mit Einkaufstüten. Während draußen der Verkehr rauscht, die Fußgänger sich wagemutig zwischen den Autos schlängeln und der Muezzin zum Gebet ruft, denke ich an die Straßen von Jena, durch die diese Bahn früher einmal fuhr.

Schiller, Arbeiterfahnen und Eis am Stiel

Ab und zu sah man einen Trabi, Lada oder Wartburg auf der Nachbarspur. Sonst war alles viel stiller als hier. Die Bahn fuhr vorbei an der ehrwürdigen Universität, an der schon Friedrich Schiller unterrichtete. Dann über die Brücke der Saale, vorbei am Gasthaus „Grüne Tanne“, wo 1815 die erste deutsche Burschenschaft gegründet wurde.

Seltsam, dass ausgerechnet diese Straßenbahn so friedlich ihre Runden in einer türkischen Metropole dreht. Ausgerechnet eine Bahn aus Jena. In den neunziger Jahren, als das NSU-Trio in der Stadt lebte, fuhren die Gotha-Wagen noch regelmäßig. Vielleicht saßen die drei auch in diesem Wagen…

Eine Kurve entlockt der Bahn ein langgezogenes, freundliches Quietschen. Ein beruhigendes Geräusch. Wir kommen an einem unverputzten Haus vorbei, aus dessen Fenster eine türkische Flagge hängt in flammendem Rot. Schon bin ich in Gedanken bei anderen Häusern, geschmückt mit roten Arbeiterfahnen. Auf der Straße drängen Menschen mit Nelken im Knopfloch. Die Parade zum 1. Mai zieht in Jena den Weg der Straßenbahn, die Gleise entlang. Ich sitze auf dem Bordstein und bin ganz aufgeregt. Es ist ein besonderer Tag, denn heute gibt es sogar Eis am Stiel.

Jetzt schaue ich auf kleine Buden mit Sesamringen. Die Bahn hat den Hafen von Kadıköy erreicht. Blaugrau streckt sich der Bosporus bis nach Europa. Am anderen Ufer thronen Istanbuls Touristenattraktionen auf einem Hügel: die Hagia Sophia, die Blaue Moschee, der Topkapı-Palast. Ratternd öffnen sich die Schiebetüren – an beiden Seiten des Wagens. Huch, was für eine Entscheidungsfreiheit. Und das bei einer DDR-Straßenbahn.

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Meine Zukunft, der Kaffee und ich http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/meine-zukunft-der-kaffee-und-ich/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=meine-zukunft-der-kaffee-und-ich http://reporterreisen.com/servus-bosporus/2013/07/15/meine-zukunft-der-kaffee-und-ich/#comments Mon, 15 Jul 2013 14:01:32 +0000 Karl Grünberg http://auf3th.de/servus-bosporus/?p=1159 Liebe, Verrat und Freundschaft, was eine Wahrsagerin alles über meine Zukunft herausfindet. Zu Besuch im Café Engel, in dem sich Istanbuler aus der Tasse lesen lassen.

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Erst trinken, dann umdrehen, der Kaffeesatz verrät meine Zukunft (Foto: Karl Grünberg)

Erst trinken, dann umdrehen, der Kaffeesatz verrät meine Zukunft Foto: Karl Grünberg

Meine Zukunft schmeckt bitter, denke ich, als ich Schluck für Schluck den dicken türkischen Kaffee schlürfe. Auf der Zunge spüre ich den krümeligen Kaffeesatz, jene wertvollen Körnchen, in denen mein Schicksal stecken soll. In meinem Mund zieht sich alles zusammen, doch ich muss trinken, bis nur noch der Satz am Boden bleibt.

Langsam werde ich nervös. Als ich mich nach einer echten türkischen Wahrsagerstube erkundigte, war ich einfach nur neugierig. Ich dachte an eine heruntergekommene Bude mit Perlenvorhang, einer alten Frau, die mir allerlei Unsinn erzählt, während sie mich mit leuchtenden Augen anschaut und dann mit ihren beringten Finger meine Geldscheine greift. Aber die hier meinen das wirklich ernst. Kein abgeranztes Zimmer, sondern ein schickes Istanbuler Café. Kellner, die mit Smartphone und Headset Bestellungen entgegennehmen. An den Wänden hängen Bilderrahmen mit Zeitungsartikeln über das Café und Fotos der Wahrsager.

13 Wahrsager, 45 Minuten Wartezeit und jede Menge Leute, die mehr über ihr Schicksal wissen wollen (Foto: Karl Grünberg)

„Einen Kaffee, bitte“, sage ich. „Mit oder ohne Zukunft?“, fragt der Kellner. „Mit“, sage ich. „Das kann ein wenig dauern“, sagt er und zeigt auf die bis auf den letzten Platz besetzten Tische. „Heute sind nur 13 Wahrsager da, das werden circa 45 Minuten Wartezeit.“ 13 Wahrsager, denke ich, wenn das mal kein Omen ist. Das Interesse an der Zukunft scheint vor allem weiblich zu sein. Schulmädchen kichern an dem einen Tisch. Zwei um die 60-Jährige schauen ernst auf ihre umgedrehten Kaffeetassen. Eine Frau, um die 30, hat den Ehering auf ihre Tasse gelegt. Nur wenige Männer sind da, die schweigend auf ihr Schicksal warten. Einer wird von einem Kellner abgeholt. Seine Freunde klopfen ihm auf die Schulter. Er lässt den Kopf hängen, als ob er zu seiner Urteilsverkündung geht.

Kaffeesatzlesen hat Tradition in der Türkei. In jeder Familie gibt es eine Tante oder einen Onkel, der es kann. Manche machen es augenzwinkernd und zur Unterhaltung, andere nehmen es sehr ernst. Ein türkischer Freund erzählte mir, dass er viele Leute kennt, die eine Art zweites Gesicht haben. Ein Onkel von ihm rufe ab und zu an, erkunde sich, ob alles gut sei und rate dann von Fahrten mit dem Auto an diesem Tag oder zu schnell getroffenen Entscheidungen ab. „Das Café gibt es seit 2000“, erzählt der Kellner. Es sei das erste seiner Art gewesen, heute gebe es davon über hundert in Istanbul, ein erfolgreiches Geschäftsmodell.

Wenn der Kaffee nicht eindeutig ist, helfen Karten weiter (Foto: Karl Grünberg)

Aussuchen kann ich mir meinen Schicksalsbestimmer nicht, der nächste Freie ist meiner. Ich trinke meinen Kaffee bis auf den Satz, lege den Unterteller auf die Tasse, drehe sie um und beobachte, wie die braune Soße sich verteilt. Der Kellner kommt. Es ist Zeit für mich. Ich folge ihm zu einer Treppe in den Keller. Dort, in einem Schlauchgang sitzen sie. Die erste Wahrsagerin hat wildes lockiges Haar, die zweite sieht aus wie ein altes Mütterchen, der dritte ist ein Mann und so dick, dass er kaum auf den Stuhl passt. Weit hinten sitzt sie, meine Wahrsagerin. Mein Herz schlägt schneller. Sie ist Anfang 20, hat langes schwarzes Haar, trägt eine schwarze Lederjacke, einen schwarzen Rock, und schwarze Lederstiefel. Für ein paar Sekunden denke ich nicht ans Wahrsagen. Natürlich sind auch ihre Augen schwarz. Sie schaut in meine Kaffeetasse hinein, runzelt die Stirn, steht auf und geht. So schlimm? Doch sie ist gleich wieder da, mit einem Stapel Karten. Ich soll ein paar Karten ziehen. Meine Zukunft scheint schwieriger zu sein.

Auf einmal sprudelt es aus ihr heraus. Ich sei gerade in einer Ausbildung: Stimmt. Im Laufe eines Jahres werde ich beruflich etwas anderes machen und zufrieden sein: Nein, hoffentlich nicht. Ich bin in einer Beziehung: Stimmt. Wir stehen kurz davor, dass es ernst wird, mit Kindern und allem drum und dran, aber in mir gibt es eine kleine freiheitsliebenden Flamme, die noch etwas brennen möchte: Stimmt. Ich werde mich entscheiden, sehr bald, und damit glücklich sein: Puh, Glück gehabt. Ein Freund wird sich von mir abwenden und mich verraten: Oh mein Gott, wer?

Ich ziehe Karten, sie schaut mir abwechselnd in die Augen und in meine Kaffeetasse. Ernst und sachlich wie eine Ärztin, die eine Diagnose gibt. Als sie fertig ist, verlasse ich benommen das Café. Vieles stimmte, anderes blieb im Vagen. Draußen vor dem Café Engel muss ich mich entscheiden, geht es rechts oder links weiter. Ich nehme die sonnige Straßenseite.

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